DAS GRAS HAT ES LEICHTER...

Man mag zu Amerika, zu Europa, gemeinhin zur Welt stehen wie man will... Uns fehlt eine Stimme, ein Kommentar, ein Texter, ein Maler. Genau jene vergleichlose Stimme, die ihr Gewicht unverwechselbar auf die Wunde zu legen pflegte, wie etwa bei dem Ready-made »Ein amerikanisches Modell« von 1989: Ein von sechs Glühbirnen umkrönten Ureinwohner des amerikanischen Nordens, einer jener indigenen Bevölkerung, die bei Karl May noch einfach Indianer genannt wurde, im Lichte seiner Niederlage. Es sind diese Glühbirnen, die den Sieg und mit ihm die Ausrottung einer Rasse symbolisieren. Sie sprechen auch vom Fortschritt, dem alle sich unterordnen möchten, dem American way of life, dem amerikanischen Modell.
Und Obama? Wer kommentiert seinen Auftritt in Berlin, an der Siegessäule? Wird er es, oder wird es sein Gegenspieler, dessen jahrzehntejüngere Frau ihren Mann so telegen und anmutig anhimmelt? Ist Obama schon Teil einer Soap oder wird er es noch? »Vincent can you hear me« hat Achim Duchow einmal in einer Arbeit ein Ohr versucht zu beseelen. Hörst Du uns Obama? Hörst Du die Stimmen aus dem Irak? Siehst Du das blutige Öl, das bisher niemand auf die Leinwand brachte?
»Wir-sind-Papst«. Auch wenn eine englische Gegenstimme in gemeiner Art Papa-Razzi meinte. »Wir sind Fußball«. Schließlich haben unsere Jungs durch unsere Deutschland-Fähnchen an unseren Autos die diesjährige EM fast gewonnen. Und wir im Unterhemd und Bierdosen mit ihnen.
Es werden noch viele Tanker ihr Öl in den Meeren der Welt verlieren, bevor jemand Duchows Arbeit »Die schwarze Pest« auszeichnen wird, und zwar so, wie sie es in einem musealen Kontext verdient. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Produktion von Gucci-Kunst für den Kunstmarkt noch Jahrzehnte andauern, werden viele Jeffs und Damians Millionäre werden und viele Öl- und Gasbarone anwerben, ihre Artefakte auf Partys einem völlig verkitschten Publikum darzubieten, bevor jemand auf die Idee kommt, die mit einer feinen Ironie versehene Arbeit: »Bauhaus für Arme« von 1989 zu kaufen.
Als wir die 1993 im Kunstverein Lippstadt realisierte Ausstellung »Achim Duchow. Arbeiten für Arme« planten, war uns selbstverständlich nicht bewusst, dass wir die letzte Schau mit Bildern und Objekten zu Lebzeiten des Malers organisieren würden. Für mich ist diese Ausstellung ein unvergessliches Erlebnis, hatte ich doch damals die Gelegenheit oft mit Achim Duchow zusammenzukommen und diese herausragende Schau zusammenzutragen. Duchow war ein Intellektueller seiner Branche, allerdings nicht einer, der wahllos Aussprüche der damals angesagtesten postmodernern Denker strukturalistischer Provenienz in seine Umgebung warf, sondern jemand, der lieber von seinen Fernost-Erfahrungen berichtete. Er hatte in Japan und anderswo entscheidendes gesehen und erlebt und nicht einfach aufgeschnappt. Er praktizierte Lebensphilosophie.
Achim Duchow war ein Mann der Musik, einer, der aus dem Erlebten geschaffen hat, nicht aus dem rein Erdachten. Sein chaotisch organisiertes Atelier in der Ronsdorfer Straße Düsseldorfs war Treffpunkt der Kunstwelt von allen möglichen Leuten aus dem Kunstbusiness: Musikern, Fotografen, Malern, Illustratoren, Sprayern, Klein- wie Großkünstlern. Dazu noch Galeristen, Museumsleute, Kunstwissenschaftler, Kritiker. Duchows Kritik am Kunstgeschehen, so beißend sie auch bisweilen war, war immer erfrischend, nie langatmig oder gar langweilig. Es ging ihm nicht darum, sich selbst gerne zu hören, das überließ er geflissentlich anderen. Es ging ihm nicht um Kritik der Kritik willen. Er war viel gescheiter als die meisten Kommentatoren der Kunstszene, inklusive Kritiker. Gerade jene Ausstellung »Arbeiten für Arme« war ein wunderbares Statement auf die selbst geschaffenen Gesetze des Kunstmarktes. Einer der neuralgischen Punkte der Kunstszene ist ja bis heute noch die Sucht vieler Käufer, von denen vermutlich die meisten selten ein Künstleratelier betreten haben, ein Original in der Hand zu haben. Bei einem Original mit seiner ihm zugesprochenen Aura – die imaginäre Hand des Meisters gleichsam am Puls des Käufers – fallen die Hüllen. Hier entscheidet sich was Kunst ist, oder? Gib mir ein Meisterwerk. Ich muss es besitzen. Auch wenn dieser Begriff spätestens seit der Serienproduktion obsolet ist: Es muss ein Meisterwerk sein. Und es muss der Name sein, für den man sich begeistert: Warhol zum Beispiel, der mehr Meisterfigur als Meisterwerker war.
Achim Duchows Ansatz war ein anderer. Irgendwie schien er sich Chagalls Humor zu eigen gemacht zu haben, den man einmal nach zum Thema Fälschung in bezug auf seine eigenen Bilder gefragt hat. Seine Antwort war lapidar: »Wenn´s gut ist, dann ist es von mir.« Was für eine ungeheuere Ansage. So etwas hört man ja eigentlich nicht gern auf dem Kunstmarkt, wo doch Original und Fälschung wie U- und E-Musik fein auseinandergehalten werden. Höchstens zu Partyzwecken in den Staaten beauftragt man Künstler wie Mike Bidlo, die ein ganzes Haus mit Picassos, Kandinskys und Matisses dekorieren. Alle perfekt gemalt mit der Signatur: »Not Picasso«, »Not Kandinsky«, »Not Matisse«. Willkommen im Dschungel der Eitelkeiten.
Achim Duchows Kunstphilosophie war eine andere. Seine »Bilder für Arme« boten jedem die Möglichkeit, Originalwerke von ihm zu Einsteigerpreisen zu kaufen von denen man nur träumen kann – bis heute. An einem »Polke für Arme« mit dem Hinweis auf den »Befehl von gestern« – in Anspielung an Polkes super-auratisches Werk »Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen« von 1969 – hat man eine lebenslange Freude. Gerade bei Polke, dessen Mitarbeiter (sprich: Mitmaler) Achim Duchow war, verlassen wir das betretene Terrain. Zu recht fragt Hans Belting in seinen Gedanken zu Polke: »Was ist aber Malerei? Ein Anstrich? Eine Dekoration? Eine Darstellung? Ein schöpferischer Gestus? Eine gemalte Idee? Eine gemalte Welt? Eine gemalte Malerei?.«[1]
Haben die Römer nicht die alten Griechen kopiert und haben sie nicht aufregende Werke als Nachbilder der Originale geschaffen?
Zweifellos: Wer am Kunstmarkt teilnimmt – in dem Moment, in dem Du produzierst bist Du auch irgendwie `drin – hält es mit Frank Zappa, dessen 1968 entstandene LP »We are Only in It for the Money« genau jenen Zwiespalt wiedergibt, in dem viele Künstler stecken. Das Geld lässt Dich überleben. Hätte Bob Dylan nicht den CBS-Konzern gehabt, wie hätten seine »revolutionären« Songs die Welt erreichen können?
Achim Duchow ging es allerdings nicht vordergründig um den Kunstmarkt. Der Beweis: Er hätte reich werden können und wir hätten uns seine Bilder nicht kaufen vermögen. Um so doppeldeutig ironisch geriert sich daher jene Seite bei Artfacts.Net wenn man seinen Namen eingibt. Dort treffen wir über dem Porträt des sinnierend uns anschauenden tätowierten Künstlers auf drei Hauptkategorien, in denen auch unser Held virtuell mitspielen soll: Artist Profile – Auctions Results – Career Analyser: Willkommen im Wellness-Pool der Kunst. Der Himmel sei mit Dir.

Tayfun Belgin

[1] Hans Belting: Über Lügen und andere Wahrheiten der Malerei. Einige Gedanken für S.P., in: Ausstellungskatalog der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn 1997: Sigmar Polke. Die drei Lügen der Malerei, Ostfildern 1997, Seite 129 f.

ACHIM DUCHOW
Malerei und Objekte
1948 - 1993



Finissage
So. 28. September um 12 Uhr  
»Jenseits der Sprache« – Eine Unterhaltung.
Mit Carl Friedrich Schröer, Erhard Klein, Sven O. Ahrens,
Dr. Stefanie Lucci und Dr. Tayfun Belgin

by apointment 0174 70 50 849 / 0211 733 29 02

BACK-RAUM im CON-SUM
Ronsdorfer Str. 77a  D-40233 Düsseldorf
Ausstellungsorganisation: Wolfgang Schäfer
Fotos aller Arbeiten von Achim Duchow: Norbert Faehling






ein amerikanisches modell

(1989)



bauhaus für arme
(1989/91)



guten morgen gregor

(1990/91)



als die farben laufen lernten

(1990)



marmor auf stahl

(1988)




l'art pour l'art

(1991)



die schwarze pest
(1991)



hey gringo
(1989)



ski heil, (hals und beinbruch)

(1991)



jenseits der sprache
(1991)






hobbymaler

(1990)


junger wilder

(1991)



orientierungslosigkeit
in der kunst

(1991)



der hobbymaler 2

(1991)


das kann meine tochter auch

(1990)



das kann meine tochter auch

(1990)



öl auf leinwand

(1990)



öl auf leinwand

(1990)



the harder they come

(1991)

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nuclear-jude

(1982/92)